Harold F. Searles

Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen

- ein Element in der Ätiologie
und Psychotherapie der Schizophrenie


Unter allen Faktoren in der Entstehungsgeschichte der Schizophrenie - Faktoren, die zweifellos komplex und überdies von Fall zu Fall beträchtlichen Schwankungen unterworfen sind scheint es eine spezifische Komponente zu geben, die oft, wenn nicht sogar, wie ich glaube, regelmäßig anzutreffen ist. Meine klinische Erfahrung hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass das Individuum zum Teil deshalb schizophren wird, weil es einem langwierigen Bestreben der wichtigsten Beziehungsperson oder -Personen seiner Kindheit ausgesetzt gewesen ist, dem Bestreben nämlich, es verrückt zu machen, das großenteils oder auch völlig unbewusst war.

Ich weiß wohl, dass es eine Leerformel wäre, die komplexe Ätiologie der Schizophrenie auf die simple Feststellung zu reduzieren, dass jemand schizophren wird, weil ein anderer ihn verrückt macht. Eine solche Formel würde der psychologischen Eigenaktivität des Individuums in der Situation ebenso wenig gerecht werden wie der Verflochtenheit der besonderen zwischenmenschlichen Beziehung, den komplexen gruppendynamischen Prozessen der Familiensituation oder den größeren soziodynamischen Prozessen, in denen die Familie lediglich eine Rolle spielt - eine Rolle zudem, in der die Familie als ganze großen und tragischen Ereignissen, deren Kontrolle oder Verhütung die Kräfte jeder Familie übersteigen, oft hilflos gegenübersteht.

 

Bisherige Literatur

Die einzigen schriftlichen Äußerungen zu diesem Thema, die ich in der Fachliteratur gefunden habe, sind die Feststellungen von Arieti (1955) und jene einer Forschungsgruppe der Mayo-Stiftung unter Leitung von Johnson (Beckett u. a., 1956; Johnson, Giffin, Watson & Beckett, 1956), und diese Feststellungen tun kaum mehr, als das Thema zur Sprache zu bringen, ohne es im einzelnen zu untersuchen.

Arieti beschreibt, was er »agierte« oder »externalisierte« Psychosen nennt, indem er erklärt: » ...diese Menschen schaffen oft Situationen, die bei anderen Menschen Psychosen verursachen, während sie selbst von offenen Symptomen verschont bleiben.«

Johnson und ihre Mitarbeiter, die über die parallele Therapierung von schizophrenen Patienten und deren Familienangehörigen berichten, betonen, dass diese Praxis den ursprünglichen Eindruck der Autoren bestätigt habe, wonach » ...der Ausdruck elterlicher Feindseligkeit durch ein Kind in bestimmten Fällen sowohl in dem Kind eine Psychose verursachen als auch die Eltern vor der Psychose bewahren konnte« (Beckett u. a., 1956). In vielen Fällen entdeckten sie eine Geschichte der psychischen Verletzung des Kindes durch Vater und/oder Mutter, die sich in den frühesten Wahnvorstellungen des Patienten in spezifischer Weise widerspiegelte. Von besonderem Interesse ist hier, dass zu den verschiedenen Arten der Verletzung, die sie beschreiben, die Drohung gehörte, »der Patient könne geisteskrank werden«.

Hill (1955) hat zwar nirgends die spezielle Auffassung formuliert, die ich in diesem Aufsatz umreiße, zeichnet aber ein Bild einer symbiotischen Patient-Eltern-Beziehung, das einen Begriffshintergrund enthält, in den meine Konzeption, wie ich glaube, haargenau passt. Er sagt, dass die Mutter (in gelegentlichen Fällen auch der Vater) »die Bedingungen dafür schafft, dass [das Kind] mit Sicherheit so lebt, wie es ihren eigenen Abwehr- und Aggressionsbedürfnissen zur Vermeidung einer Psychose entspricht«. »Der Sinn der Nutzlosigkeit des Abhängigkeits-Selbständigkeits-Kampfes, den der Schizophrene führt, ... besteht in seinem auf Beobachtung gegründeten Glauben, seine Besserung und Gesundung im normalen Sinne würde seine Mutter psychotisch werden lassen...«

Bowen (1956) ist nach simultaner Therapierung schizophrener Patienten und ihrer Familien zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen wie Hill. Reichard & Tillman (1950), Lidz & Lidz (1952) und Limentani (1956) gehören zu den anderen Autoren, deren Erörterung symbiotischer Beziehungen für meinen Aufsatz relevant sind.

Ich werde meine Theorien, mit kurzen Auszügen aus klinischen Fällen, soweit der Platz es erlaubt, nach folgenden Kategorien darlegen: (A) die Art und Weise, in der man versucht, den anderen verrückt zu machen, (B) die Motive hinter dem Bestreben, den anderen verrückt zu machen, und (C) diese Art der Interaktion in der Patient-Therapeut-Beziehung.

 

A. Methoden, den anderen verrückt zu machen

Bei dem Versuch, die Methoden oder Techniken zu umreißen, die jemand anwendet, um einen anderen verrückt - oder, in unserer Fachsprache, schizophren - zu machen, kann ich nicht genug betonen, dass dieses Streben sich nach meiner Überzeugung auf einer überwiegend unbewussten Ebene abspielt und dass es nur eine Komponente einer komplexen pathogenen Beziehung darstellt, die einer von den Beteiligten oder auch beide keineswegs vollauf kontrollieren können.

Allgemein kann man wohl sagen, dass die Auslösung jeglicher Art von zwischenmenschlicher Interaktion, die darauf gerichtet ist, im anderen emotionale Konflikte zu begünstigen - verschiedene Bereiche seiner Persönlichkeit in Widerspruch zueinander zu bringen -, die Tendenz hat, ihn verrückt (d. h. schizophren) zu machen.

Zum Beispiel berichtet eine Frau über ihren in Analyse befindlichen Mann, er würde ständig die »Anpassung« ihrer jüngeren Schwester, einer unsicheren jungen Frau, »in Frage stellen«, die dadurch zunehmend in Angst gerate; und er tut das offensichtlich, indem er sie immer wieder auf Bereiche ihrer Persönlichkeit aufmerksam macht, die ihr allenfalls schwach bewusst sind - Bereiche, die ganz im Widerspruch zu der Person stehen, als die sie sich betrachtet. Dadurch werden die zur Aufrechterhaltung eines funktionsfähigen Ichs notwendigen Verdrängungen geschwächt (ohne dass ihr eine wirkliche Psychotherapie zur Verfügung stünde), so dass plötzliche Konflikte und Ängste auftreten. Ganz Ähnliches lässt sich beim unerfahrenen oder unbewusst sadistischen Analytiker feststellen, der die Tendenz hat, den Patienten mit verfrühten Deutungen psychotisch zu machen: sein Ich eher zu schwächen, als es, dem bewussten Ziel des Analytikers entsprechend, dadurch zu stärken, dass er dem Patienten durch zeitlich angebrachte Deutungen dazu verhilft, das bisher verdrängte Material allmählich zu assimilieren.

Oder jemand reizt einen anderen sexuell im Rahmen einer Umgebung, wo es für diesen anderen verderblich wäre, den Versuch zu machen, seine angestachelten Sexualbedürfnisse zu befriedigen; das Ergebnis ist wiederum ein Konflikt. Wir sehen das an zahllosen Beispielen aus der Geschichte schizophrener Patienten, in denen sich ein Elternteil dem Kind gegenüber in übermäßig verführerischer Weise verhielt und damit in ihm einen heftigen Konflikt auslöste zwischen sexuellen Bedürfnissen einerseits und strengen Vergeltungsmaßnahmen des Über-Ichs (entsprechend dem gesellschaftlichen Inzesttabu) andererseits. Das Kind kann durch den gleichen Umstand in Konflikt geraten zwischen seinem Reifungsbedürfnis und dem Verlangen nach Entfaltung der eigenen Individualität hier und seinem regressiven Bedürfnis dort, eine infantile Symbiose mit dem Elternteil aufrechtzuerhalten, ja sogar auf Kosten seiner sexuellen Strebungen - seiner Trumpfkarte im Spiel um die Selbstverwirklichung - in dieser regressiven Beziehung zu verharren.

Werden außer den sexuellen Bedürfnissen noch andere gleichzeitig oder im raschen Wechsel stimuliert und frustriert, so kann das nach meiner Meinung einen ähnlich desintegrierenden Effekt haben. Ein männlicher Patient wurde, als er aus einer Psychose erwachte, in der seine intensiven Ambilenzgefühle gegenüber der Mutter die zentrale Stelle eingenommen hatten, fähig, etwas von seiner Kindheitsbeziehung zu ihr zu beschreiben. Die ablehnende Einstellung seiner Mutter wurde schlagartig durch seine Erinnerung erhellt, dass er sie nie seinen Vater hatte küssen sehen, den die Mutter unbarmherzig beherrscht und ausgezankt hatte. Der Patient erinnerte eine Gelegenheit, bei der die Mutter Anstalten gemacht hatte, ihren Gatten zu küssen. Das war in der späten Kindheit des Sohnes, als sein Vater im Anschluss an einen Autounfall zu einer schweren Operation in den Operationssaal eines Krankenhauses gerollt wurde. Die Mutter beugte sich hinab, als wolle sie ihm einen Kuss geben, und der Patient sah, dass sich das Gesicht seines Vaters mit freudiger Erwartung erfüllte. Dann besann sich die Mutter plötzlich und richtete sich auf. Der Patient berichtete das mit niedergeschlagener Stimme, als habe er eine derartige Frustration von ihrer Seite viele Male selbst erleben müssen.

Ähnlich verhält es sich, wenn das Kind den Wunsch hat oder sich verpflichtet fühlt, z. B. einem Elternteil zu Hilfe zu kommen: Häufig entdecken wir in der Geschichte schizophrener Patienten, dass die Mutter oder der Vater das Kind ständig um Sympathie, um Verständnis und etwas, was wir im Kern als therapeutischen Eingriff bezeichnen würden, bemühten, während sie zugleich seine Bemühungen, Hilfe zu leisten, zurückwiesen, so dass seine echte Zuneigung und sein Wunsch zu helfen durchsetzt wurden mit Schuldgefühlen, Wut und vor allem vielleicht mit einem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit und des eigenen Unwerts. In diesem Zusammenhang haben Bateson, Jackson, Haley und Weakland (1956) elterliche Gebote, die einen Grundwiderspruch nach Art des double bind enthalten, als wichtig für die Verursachung von Schizophrenie dargestellt.

Eine andere Technik, mit der gerade beschriebenen von Stimulation-Frustration eng verwandt, besteht darin, dass man mit dem anderen auf zwei (oder sogar noch mehr) Beziehungsebenen zugleich verkehrt, zwischen denen keinerlei Verbindung besteht. Das hat die Tendenz, den anderen dazu zu zwingen, seine Teilnahme von der einen oder anderen dieser Ebenen (möglicherweise auch von beiden) zu dissoziieren, weil er es als so irrsinnig unpassend empfindet, auf eine besondere Ebene einzugehen, wenn sie keinerlei Bezug zu dem hat, was auf der anderen Ebene, der bewussteren und unverhüllteren, vor sich geht.

Zum Beispiel ist es mir bei ein oder zwei Gelegenheiten in meiner langjährigen Arbeit mit einer körperlich attraktiven und oft sehr verführerischen paranoid-schizophrenen Frau hart angekommen, nicht verrückt zu werden, wenn sie zugleich (a) mich in eine politisch-philosophische Diskussion verwickelte (sich dabei einer männlich-betonten, fast geschäftsmäßig-lebhaften Ausdrucksweise bedienend, während ich, obwohl ich keine Chance hatte, viel zu sagen, mich ganz stark dazu gedrängt fühlte, einige dieser Fragen mit ihr zu diskutieren, und das auch tat) und (b) in einem extrem kurzröckigen Tanzkostüm und in sexuell aufreizender Weise im Raum herumlief oder auf dem Bett posierte. Sie machte keine verbalen Anspielungen auf Sexualität, wenn man davon absieht, dass sie mich ganz am Anfang der Stunde beschuldigte, »lüsterne«, »erotische« Wünsche zu haben; von da an bestand die ganze verbale Interaktion aus dieser Diskussion über Theologie, Philosophie und internationale Politik, und mir schien, die nichtverbale Interaktion war unverfroren sexuell. Aber - und das ist, meine ich, der springende Punkt - ich nahm nicht wahr, dass sie diese verhülltere Interaktion auf der Ebene des Bewusstseins entsprechend bestätigte; die nichtverbale sexuelle Interaktion hatte die Tendenz, sich einfach als »verrücktes« Produkt meiner eigenen Einbildung herauszustellen. Obwohl ich sogar wusste, dass es für meine Reaktion auf diese beiden unverbundenen Ebenen eine reale Grundlage gab, empfand ich eine solche Spannung, dass ich, wie gesagt, das Gefühl hatte, ich würde den Verstand verlieren. Ein unsicheres Kind, das von einem Elternteil in eine so tief gespaltene Wechselbeziehung verstrickt wird, würde nach meiner Meinung bei einer oft wiederkehrenden Situation dieser Art ein schweres psychisches Trauma erleiden.

Eine weitere Technik, die eng verwandt ist mit der eben beschriebenen, sich dem anderen auf zwei oder mehr unzusammenhängenden Ebenen auf einmal zu nähern, ist das plötzliche Umschalten von einer emotionalen Wellenlänge auf die andere, wie man das so häufig bei den Eltern schizophrener Patienten findet. Da war zum Beispiel die Mutter eines hochgradig schizophrenen jungen Mannes, eine sehr starke Persönlichkeit, die mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs redete; sie überschüttete mich mit einem unablässigen Wortschwall, dessen Sätze, was den Gefühlsausdruck betrifft, so zusammenhanglos waren, dass ich im Augenblick völlig verwirrt war: »Er war sehr glücklich, niemals bedrückt. Er hat seine Arbeit als Radioreparateur in der Werkstatt von Mr. Mitchell in Lewiston geliebt. Mr. Mitchell achtet sehr auf Perfektion. Ich glaube nicht, dass vor Edward jemand von seinen Leuten es länger als ein paar Monate in seiner Werkstatt ausgehalten hat. Aber Edward ist mit ihm erstaunlich gut ausgekommen. Oft kam er nach Hause und sagte [die Mutter machte einen Seufzer der Erschöpfung nach]: "Ich halte es keine einzige Minute mehr aus!" « Der Patient hatte mehrere Monate vor seiner Hospitalisierung die meiste Zeit zu Hause bei seiner Mutter verbracht, und in diesem Zusammenhang hielt ich es für bezeichnend, dass er in den ersten Monaten seines Krankenhausaufenthaltes (im Gesichtsausdruck usw.) alle Anzeichen von Gefühlsaufwallungen zeigte, deren Charakter verblüffend schnell und häufig wechselte. So zeigte sein Gesicht einmal eine Mischung aus Hass und Abscheu, während er im nächsten Augenblick zusammenzuckte, wie von einem massiven Gegenstand getroffen, mit einem Ausdruck von tiefem Kummer im Gesicht.

Meine stillschweigende Folgerung, dieses Phänomen sei teilweise der Tatsache zuzuschreiben, dass er lange der schlecht integrierten Persönlichkeit seiner Mutter ausgesetzt gewesen war, soll nicht die Möglichkeit ausschließen, dass sich der Prozess zugleich auch in der Gegenrichtung abspielte. Im Gegenteil, ich war beeindruckt von der weit besseren Integration, welche die Mutter zeigte, nachdem der Patient einige Zeit von Zuhause fort war, und hielt es für sehr wahrscheinlich, dass sie während meines oben erwähnten Interviews mit ihr, zur Zeit der Einweisung ihres Sohnes, unter den Nachwirkungen der Tatsache stand, dass sie jahrelang einer außerordentlich schlecht integrierten, psychotischen Person ausgesetzt gewesen war, mit deren Fähigkeit zur Verletzung der Integrität eines anderen ich im Verlauf der Behandlung höchst unerfreuliche Bekanntschaft machte. All das berührt die Frage des sich zwischen Kind und Eltern bzw. zwischen Patient und Therapeut abspielenden Kampfes darum, den anderen verrückt zu machen; ich werde darauf noch zurückkommen.

Die inzwischen verstorbene Mutter eines anderen Schizophrenen wurde von dessen Geschwistern als völlig unberechenbar in ihrer emotionalen Sprunghaftigkeit beschrieben; zum Beispiel konnte sie von der Synagoge mit einem seligen Gesichtsausdruck nach Hause kommen, als wäre sie in ein freudiges geistiges Erlebnis vertieft, und zwei Minuten später einem ihrer Kinder einen Kochtopf an den Kopf werfen. Manchmal war sie zu unserem Patienten herzlich und liebevoll und fiel im nächsten Augenblick mit bösartigen Beschuldigungen oder schweren Züchtigungen über ihr Kind her. Der Patient, der zur Zeit der Einleitung meiner Therapie bereits mehrere Jahre an paranoider Schizophrenie gelitten hatte, brauchte mehr als drei Jahre intensiver Psychotherapie, ehe er die Wahnvorstellung aufgeben konnte, er habe nicht nur eine Mutter, sondern viele verschiedene. Immer wieder konnte er meinen Hinweis auf »Ihre Mutter« zurückweisen und protestieren, er habe niemals nur eine Mutter gehabt; einmal erklärte er ernsthaft und völlig überzeugend: »Wenn Sie das Wort "Mutter" gebrauchen, sehe ich vor mir eine Prozession von Frauen, von denen jede einen anderen Gesichtspunkt repräsentiert.«

Ein ständiges, sprunghaftes Umschalten von einem Gesprächsthema auf ein anderes, ohne dass eine deutliche Änderung der Gefühlslage erkennbar wird, ist an sich schon ein Modus der zwischenmenschlichen Gerichtetheit, der auf die psychische Funktion des anderen eine wesentlich desintegrierende Wirkung haben kann; jeder Therapeut, der mit einem Patienten gearbeitet hat, der eine anhaltende und starke Verwirrtheit zeigte, wird das bestätigen.

Jede einzelne von diesen Techniken hat die Tendenz, das Vertrauen des anderen in die Zuverlässigkeit der eigenen Gefühlsreaktionen und in seine Wahrnehmung der äußeren Realität zu untergraben (eine Formulierung, für die ich Dr. Donald L. Burnham verpflichtet bin). In einem der bereits erwähnten Aufsätze von Johnson u. a. (1956) findet sich folgende treffende Schilderung der Kindheitsbeziehung schizophrener Patienten zu ihren Eltern: » ... Wenn diese Kinder den Ärger und die Feindseligkeit eines Elternteils wahrnahmen, wie sie dies bei vielen Gelegenheiten taten, verleugnete der Elternteil seinen Zorn und verlangte vom Kind, ihn ebenfalls zu verleugnen, so dass dieses sich in dem Dilemma befand, entweder dem Erwachsenen oder seinen eigenen Sinnen zu glauben. Glaubte es seinen Sinnen, so behielt es ein ungebrochenes Verhältnis zur Realität; glaubte es dem Erwachsenen, so behielt es die benötigte Beziehung, jedoch um den Preis einer verzerrten Wahrnehmung der Realität. Verleugneten die Eltern wiederholt ihre negativen Gefühle, so konnte das Kind nicht dazu kommen, eine adäquate Realitätsprüfung zu entwickeln1

Der Gegenstand, den ich in diesem Aufsatz behandle, steht in engem Zusammenhang mit einem anderen, der auf einem ganz anderen Gebiet der menschlichen Aktivität zu finden ist: dem der internationalen Politik und der Kriegführung. Ich verweise auf das Thema Gehirnwäsche und verwandter Techniken. Bei der Lektüre eines unlängst erschienenen und hervorragenden Buches über dieses Thema, The Rape of the Mind von Meerloo (1956), hat mich immer wieder beeindruckt, welche Ähnlichkeit besteht zwischen den bewussten und mit Berechnung eingesetzten Techniken der Gehirnwäsche, die der Autor beschreibt, und den unbewussten (oder doch vorwiegend unbewussten) Techniken, die Ich-Entwicklung zu stören und die Ich-Funktion zu unterminieren, die ich in der aktuellen wie in der vergangenen Lebenspraxis von schizophrenen Patienten am Werke gefunden habe. Die aufgezwungene Isolation, in der ein der Gehirnwäsche Ausgesetzter lebt - isoliert von allem, ausgenommen seinem Inquisitor bzw. seinen Inquisitoren -, ist nur ein Beispiel für diese Ähnlichkeit; im Leben des Kindes, das einmal schizophren werden wird, sind die elterlichen Verhaltensweisen, die seine Integration hintertreiben, regelmäßig von einem Verbot begleitet, sich anderen Personen zuzuwenden, die seine Gefühlsreaktionen bestätigen und es gegen die von den Eltern eingegebene Angst absichern könnten, es müsse »verrückt« sein, wenn es so »unvernünftig« auf die Erziehungsperson reagiert.

Meerloos Buch beschreibt Gehirnwäsche und verwandte Techniken als existent in der Form (a) von vorsätzlichen Experimenten im Dienste totalitärer politischer Ideologien und (b) von kulturellen Unterströmungen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, selbst in Ländern mit politischer Demokratie. Mein Aufsatz stellt viele derselben Techniken als existent in einem dritten Bereich dar: dem Leben schizophrener Patienten.

 

B. Motive hinter dem Bestreben,

den anderen verrückt zu machen

Ein Modus der zwischenmenschlichen Gerichtetheit, welche die Tendenz hat, den anderen verrückt zu machen, lässt sich anscheinend aus einer Vielzahl von verschiedenen Motiven ableiten; in jedem einzelnen Fall ist vermutlich eine komplexe Konstellation von verschiedenen Motiven wirksam. Diese Motive reichen augenscheinlich vor starker Feindschaft auf dem einen Ende der Skala bis zu Wünschen nach einer gesünderen, engeren Beziehung zu dem anderen sowie Wünschen nach Selbstverwirklichung auf dem anderen Ende. Ich werde mit den eindeutigeren Motiven auf dem erstgenannten Ende der Skala beginnen.

  1. Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen, kann überwiegend von dem psychologischen Äquivalent des Mordes getragen sein; das heißt, es kann hauptsächlich den Drang repräsentieren, den anderen zu zerstören, sich seiner so gänzlich zu entledigen, als wäre er körperlich vernichtet. In diesem Zusammenhang ist die Feststellung interessant, dass unser Rechtssystem, das für denjenigen, der einen physischen Mord begeht, die schwerste Strafe bereithält, für psychischen »Mord«, die psychologische Vernichtung eines anderen, den man »verrückt« macht, keine oder allenfalls nur geringfügige Strafe zumisst. Im Bewusstsein des Durchschnittsmenschen, der mit den Einzelheiten des Rechtswesens nicht vertraut ist, besteht die einzige gesetzliche Strafe auf diesem Gebiet in der nur äußerlich relevanten und gänzlich ungefährlichen Anklage der »seelischen Grausamkeit«, die, wie er weiß, nicht selten als Vorwand beschworen wird, um eine hohe Scheidungsrate zu ermöglichen2.

    Das soll nicht heißen, dass ich mich über diesen rechtlichen Stand der Dinge wundere oder dass ich in dieser Hinsicht irgendeine Änderung des Gesetzes anregen will; es wäre wohl praktisch unmöglich, den rechtskräftigen Beweis zu erbringen, dass jemand bedeutend dazu beigetragen hat, einen anderen »verrückt« zu machen. Der springende Punkt ist für mich, dass dieser Stand der Dinge in unserem Rechtssystem so beschaffen ist, dass man zwar wegen des Gesetzes Grund hat, vor physischem Mord zurückzuschrecken, aber praktisch keinen, in ähnlicher Weise vor dem zurückzuschrecken, was man als psychischen Mord begreifen könnte.

    Ferner muss festgestellt werden, dass eine Psychose, die schwer genug ist, jahrelange Hospitalisierung zu erfordern, in der Tat dazu dient, den Patienten fast so wirksam an der ständigen Teilnahme am Leben beispielsweise einer Familie zu hindern, wie sein Tod es tun würde. Es geschieht nicht selten, dass Eltern eines lange psychotischen, hospitalisierten Kindes verlauten lassen, es sei gestorben, und noch häufiger vermeiden die im Hause verbliebenen Familienangehörigen jeden Hinweis auf den Patienten in ihrem täglichen Umgang mit Freunden und Kollegen, vermeiden es, den Patienten wegen Familienkrisen zu konsultieren oder ihn darüber zu informieren, ganz so, als habe er bereits »das Zeitliche gesegnet«.

    Als Beispiel für diese Art von Motiv will ich einiges Material aus meiner Arbeit mit einer jungen Frau anführen, die über drei Jahre wegen einer schizophrenen Erkrankung hospitalisiert und in dieser Zeit fähig geworden war, mir einige Einzelheiten über ihr Familienleben vor dem Ausbruch ihrer Krankheit zu berichten.

    Sie hatte eine Schwester, die zwei Jahre jünger war als sie. Beide Mädchen sahen gut aus; beide waren sie von ihren Eltern stark indoktriniert worden, der einzige Lebenszweck eines Mädchens sei es, zu einem reichen Ehemann in gehobener gesellschaftlicher Position zu kommen; beide waren sie stark in Phantasien verstrickt, mit dem Vater verheiratet zu sein, da die Mutter in der Familie eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Sie standen deshalb in heftiger und offener Konkurrenz zueinander.

    Meine Patientin erinnerte sich in einer der psychotherapeutischen Sitzungen an eine Zeit (nicht mehr als zwei Jahre vor ihrer ersten Hospitalisierung), in der ihre Schwester von einem Freund sitzengelassen worden war, den diese einer angeblichen Freundin namens Mary vorgestellt hatte. Sie sagte, etwa ein Jahr danach habe ihre Schwester eine dunkle Brille getragen, »ging im Haus herum und redete von Selbstmord« und habe geweint. Die Patientin sagte, die Brille »machte sie [d. h. die Schwester] verrückt«. Sie sagte ferner: »Meine Schwester sagte immer, sie hätte einen Haufen gelesen, deshalb würde sie nicht überschnappen«, und bemerkte dazu: »Die Eifersucht und der Hass ... und das ganze Hänseln ... machen einen rasend.« Sie sprach davon, »wie eifersüchtig Sarah [die Schwester] auf Mary war«, was mich auf den Gedanken brachte, sie wolle sagen, »auf mich«, würde das aber »auf Mary« verschieben; ich hatte durch andere Dinge, die sie sagte, den entschiedenen Eindruck gewonnen, dass die Eifersucht zwischen ihr und der Schwester in jener Periode sehr stark war. Ich bemerkte, dass sie von Zeit zu Zeit, wenn sie von dem Leid sprach, das ihre Schwester gezeigt hatte, ein sadistisches Lächeln im Gesicht hatte. Einmal sagte sie: »Wenn zwei Menschen das gleiche wollen«, so seien sie gezwungen, einander zu hassen und aufeinander eifersüchtig zu sein, und später sprach sie davon, wie viel Hass und Eifersucht man auf jemand hat, der einem bei etwas oder jemand, den man will, im Wege steht. Ich bemerkte dazu beiläufig, dass man sich natürlich so fühle, als müsse man den andern töten, um ihn loszuwerden. Ihre Antwort war: »Töten - das ist nicht erlaubt...«, als hätte sie bereits diese Möglichkeit bedacht, sei aber darauf gestoßen, dass das unverständlicherweise verboten ist.

    Nebenbei gesagt: aus der Fallgeschichte dieses Mädchens erfahren wir, dass sie ihrer Schwester verbal mit Mord gedroht - »Ich mach dich hinterrücks kalt, wenn du nichts merkst« sowie einen Hammer genommen und gedroht hat, ihre Mutter damit umzubringen. Die Schwester, die ein paar Monate nach der ersten Hospitalisierung der Patientin geheiratet hatte, hatte Angst, sie zu sich zu Besuch kommen zu lassen, da sie fürchtete, diese würde ihr kleines Baby umbringen; kurz, die Familie nahm ihre Morddrohungen sehr ernst. Als sie nun in dieser therapeutischen Sitzung nachdenklich sagte: »Töten - das ist nicht erlaubt...«, fügte sie bezeichnenderweise hinzu: »Aber es gibt andere Mittel und Wege.« Bei einer anderen Gelegenheit fielen ihr, als sie von den Depressionssymptomen ihrer Schwester sprach, die Worte aus dem Nonsenslied »Mairzy Doats« ein, das in jener Zeit populär war. In ihrer chronisch verwirrten Art rätselte sie an dem Wort »Mairzy« herum, wobei sie zweimal feststellte, das Wort heiße manchmal »Mairzy« und manchmal »Mary«, was mir den starken Eindruck vermittelte, dass sie ihre Schwester während deren Depression damit gequält haben musste, sie wegen dieses Liedes zu befragen und dabei oft das gehasste Wort »Mary« fallen zu lassen, den Namen der früheren Freundin ihrer Schwester, die ihr den ständigen Freund abspenstig gemacht und schließlich geheiratet hatte.

    Dieses Material ist zu umfangreich, als dass man es hier in voller Länge wiedergeben könnte; als wesentlich muss jedoch festgehalten werden, dass die Patientin offensichtlich das Gefühl hatte, sich in einem verzweifelten Kampf mit ihrer Schwester zu befinden, der darum ging, welcher von beiden den anderen zuerst verrückt machen würde. Einmal erinnerte sich die Patientin mit deutlicher Angst: »Sarah sagte, ich hätte etwas damit zu tun«, wobei sich das »damit« auf die Depression von Sarah bezog, und sie zitierte deren Bemerkung: »Ich hoffe, du wirst nie so etwas kriegen«, in der für die Patientin eindeutig eine beängstigende Drohung mitschwang. Ich hatte den starken Eindruck, dass sie wegen der Krankheit ihrer Schwester Schuldgefühle hatte, dass sie sich von ihrer Schwester dafür verantwortlich gemacht fühlte und fürchtete, diese würde sich an ihr rächen, indem sie bei ihr eine ähnliche Krankheit verursachte.

    Das berührt einen Bereich, den ich, analog zu »Todeswünsche«, mit »Psychosewünsche« umreiße. In der Arbeit mit Patienten, die vor ihrer eigenen Erkrankung erlebt hatten, wie ein Elternteil wegen einer psychotischen Erkrankung hospitalisiert wurde, konnte ich bei verschiedenen Gelegenheiten feststellen, dass sie Schuldgefühle wegen verdrängter »Psychosewünsche« hatten, die den Schuldgefühl verursachenden »Todeswünschen« von Menschen, die einen verhassten Elternteil durch Tod verloren haben, völlig ähnlich sind. Die Patienten, die wegen solcher »Psychosewünsche« Schuldgefühle äußern, lassen alle Anzeichen dafür erkennen, dass sie das Gefühl haben, einst in einem gegenseitigem Kampf mit dem Elternteil, in der jeder den anderen verrückt zu machen versuchte, Erfolg gehabt zu haben; der schließliche Ausbruch ihrer eigenen Psychose lässt sich wohl zum Teil dem Schuldgefühl sowie der Angst vor der Rache des Erwachsenen zuschreiben, die aus dem Zweikampf in den Jahren davor herrührt. In dem beschriebenen Fall kam die Schwester nicht wirklich ins Krankenhaus; in anderer Hinsicht waren die Umstände jedoch die gleichen wie die soeben in Bezug auf Patienten skizzierten, deren Mutter oder Vater in ihrer Kindheit mit Psychose hospitalisiert worden waren.

    Im Familienleben dieses Mädchens scheint der besondere Modus des zwischenmenschlichen Interesses, das ich in diesem Aufsatz behandle - das Bestreben, den anderen verrückt zu machen -, in der Interaktion der verschiedenen Familienmitglieder untereinander Jahre hindurch Gewohnheit gewesen zu sein. Als Beleg dafür nur ein weiteres Bruchstück des verfügbaren Materials. In Kindheit und Adoleszenz hatte das Mädchen sehr viel Angst wegen ihrer Zähne gehabt, teilweise deshalb, weil sie bei einem Unfall auf dem Spielplatz ein paar Zähne verloren hatte. Dann und wann erschreckte ihr Vater sie damit, dass er sie neckte: »Ich werde dir die Zähne rausnehmen und sie als Golfmale verwenden3.« In den ersten paar Monaten nach ihrer Einweisung in Chestnut Lodge war sie, nach den Worten des Leiters der psychiatrischen Abteilung, »bibbernd vor Angst«, unablässig nach erneuter Bestätigung verlangend, dass ihren Zähnen und verschiedenen anderen Körperteilen kein Schaden zugefügt werde. Nach mehreren Jahren der Therapie bekundete sie mir gegenüber ihre Überzeugung, dass ihre Familienangehörigen, von denen sie jedem einzelnen viel Hass und Neid entgegenbrachte, sich zusammengetan hätten, um sie verrückt zu machen und sie damit aus dem Haus zu treiben. Obwohl das keineswegs ein vollständiges Bild von dem ist, was geschehen war, ist es doch, so meine ich, eine treffende Darstellung eines Teils davon.

  2. Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen, kann überwiegend durch den Wunsch motiviert sein, die bedrohliche Verrücktheit in einem selbst nach außen zu verlegen und damit loszuwerden. Es ist nur zu bekannt, dass die Familien von Schizophrenen einen Hang dazu haben, den Patienten als den »Verrückten« in der Familie zu behandeln, gleichsam als Sammelbecken für alle Verrücktheit bei den verschiedenen anderen Familienmitgliedern. Hills bereits erwähntes Buch (1955) enthält einige wertvolle Beobachtungen, die einen zu der Auffassung kommen lassen, dass die Verrücktheit des Patienten in beträchtlichem Maße zurückgeht auf die Introjektion eines verrückten Elternteils (gewöhnlich - nach Hills wie nach meinen eigenen Erfahrungen - der Mutter), der jetzt, da er introjiziert ist, in der Herrschaft des irrationalen, lähmenden und übermächtigen Über-Ichs des Patienten verkörpert ist. In dem Maße, in dem dieser Prozess sich in der Beziehung der Mutter zu ihrem Kind abspielt, gelingt es ihr, die eigene »Verrücktheit« schließlich dem Kind aufzubürden. Meine Auffassung des Strebens, den anderen verrückt zu machen, fußt natürlich, wie schon erwähnt, auf vielen der interessanten Formulierungen, zu denen Hill gekommen ist.

    Ich habe andernorts (1958) bereits die Ansicht vertreten, dass ein höchst wichtiger Bestandteil der oben beschriebenen Mutter-Kind-Beziehung in der echten Liebe und Fürsorge des Kindes besteht, die es für seine Mutter hegt: Liebe und Fürsorge von einem solchen Maße, dass es gezwungen ist, sich mit ihr in dieser pathologischen Symbiose zu verbünden. Das Kind liebt sie so sehr, dass es die Entwicklung seiner eigenen Individualität der Symbiose opfert, welche die Mutter zur Funktion ihrer eigenen Persönlichkeit so notwendig braucht.

  3. Ein weiteres Motiv, das sich hinter dem hier beschriebenen Bestreben verbirgt, ist in vielen Fällen der Wunsch, einer unerträglich konfliktreichen und spannungsgeladenen Situation ein Ende zu machen. Droht einem zum Beispiel die Mutter immer wieder, sie werde verrückt werden, wobei sie unterschwellig zu verstehen gibt, welche Katastrophe es für einen wäre, wenn diese unersetzliche Person die Szene verlassen würde, so kann man sehr wohl versucht sein, das Äußerste zu tun, um sie verrückt zu machen und damit selbst den Faden zu durchschneiden, an dem das Damoklesschwert über dem eigenen Kopf hängt; wenn es sowieso fallen wird, dann hat man wenigstens die Genugtuung, dass es die eigene Hand ist, welche die unvermeidliche Katastrophe ausgelöst hat.

    Wir erleben es jeden Tag in unserer psychiatrischen Arbeit, dass die Patienten dazu neigen, sich irgendeine Katastrophe zuzuziehen, die als unvermeidlich empfunden wird, um auf diese Weise unerträgliche Gefühle der Hilflosigkeit und der Spannung zu vermindern.

    Die quälende Unsicherheit der ständig ambivalent-symbiotischen Beziehung, die der Schizophrene in früher und frühester Kindheit zu seiner Mutter oder seinem Vater gehabt hat, ist von Hill (1955), Arieti (1955), Bowen (1956) und mir (1951) dargestellt worden. Jeder, der sich in langjähriger therapeutischer Bemühung mit einem schizophrenen Patienten beschäftigt hat, hat zunächst die in der Übertragungsbeziehung zwischen dem Patienten und sich selbst wieder auflebende stark ambivalente Beziehung - ambivalent auf beiden Seiten - erlebt, die zwischen dem Patienten und dem für die Krankheitsverursachung wichtigeren Elternteil bestand.

  4. Mit überraschender Häufigkeit stellt man in der Lebensgeschichte von Patienten und - was noch viel beeindruckender ist - in der Entfaltung ihrer Kindheitsbeziehung zu den Eltern in der Übertragungsentwicklung fest, dass sie im Laufe ihrer Kindheit die Entdeckung gemacht haben, dass der eine oder andere Elternteil sozusagen ein bisschen verrückt sei. Sie hatten das Gefühl - oft mit Recht, wie ich meine -, dass die Anzeichen für die Verrücktheit des Erwachsenen so subtil seien oder auch vor den Blicken anderer so verborgen würden und nur in der Eltern-Kind-Beziehung zum Ausdruck kämen, dass nur das Kind sich ihrer voll bewusst wurde. Unter solchen Umständen bleibt dieses Wissen für das Kind ein schuldgefühlsbeladenes Geheimnis; es hat die starke Tendenz, sich für die Verrücktheit des Erwachsenen verantwortlich zu fühlen, und ist stark belastet sowohl durch die Verrücktheit selbst - da der Erwachsene besonders bei seinem Kind Befriedigung für die psychotisch geäußerten Bedürfnisse sucht - als auch durch sein Wissen von deren Existenz.

    So entwickelt sich beim Kind die Basis für die Neigung, den Erwachsenen dabei zu unterstützen, offen psychotisch zu werden - das heißt, den Erwachsenen in solchen Wahnsinn zu treiben, dass dieser auch für andere erkennbar wird -, so dass es seine Last mit der Familie und der größeren Umgebung teilen kann. Man begegnet viel mehr Patienten, die diese Art von vorpsychotischem Erleben haben, als solchen, die erlebt haben, wie die Mutter oder der Vater offen psychotisch wurden und ins Hospital gebracht werden mussten.

    Bei der Darlegung dieses Gedankens verliere ich nicht aus den Augen, dass ein Patient, der selbst mit einer sich entwickelnden Psychose zu kämpfen hat, wahrscheinlich die eigene ihn bedrohende »Verrücktheit« auf den einen oder anderen Elternteil projizieren wird. Das geschieht oft und, wie ich glaube, sogar regelmäßig. Doch spielt sich der Prozess, den ich beschrieben habe, nicht selten noch zusätzlich ab.

  5. Eines der mächtigsten und oft unzutreffenden Motive hinter dem hier erörterten Bestreben ist der Wunsch, zur Linderung einer unerträglichen Einsamkeit einen Herzensbruder zu finden. Bei jedem schizophrenen Patienten, mit dem ich lange und erfolgreich genug gearbeitet habe, um seine Kindheitsbeziehungen relativ klar überblicken zu können, war dieses Motiv eindeutig bei jenem Elternteil gegeben, der eine symbiotische Beziehung mit dem Kind eingegangen war. Der schlecht integrierte Elternteil ist typischer weise ein ganz einsamer Mensch, der danach hungert, dass jemand seine geheimen Gefühlserlebnisse und seine verdrehten Ansichten über die Welt teilt.

    Der folgende Bericht eines Krankenpflegers über sein Gespräch mit einem 28jährigen Schizophrenen zeigt dieses Motiv in seiner Dynamik:

    Carl war ruhig gewesen - den ganzen Morgen anscheinend niedergeschlagen -, als er plötzlich anfing, über die Krankheit seiner Mutter zu sprechen. Sagte, er habe seine ältere Schwester beneidet, weil sie nicht der Krankheit seiner Mutter in ganzer Stärke ausgesetzt gewesen sei. (Die Schwester ist nicht krank.) Sagte, seine Mutter habe an ihm ihre paranoiden Vorstellungen »ausprobiert«. Sei im Haus herumgegangen, habe die Jalousien heruntergelassen, kontrolliert, ob jemand in der Nähe sei, und ihm dann erzählt, was offensichtlich völlig verblasene paranoide Vorstellungen über die Nachbarn und Freunde gewesen sind. [Er] verkündete in sehr philosophischer Weise, sie habe das Gefühl gehabt, in ihrer Krankheit Gesellschaft zu brauchen - so einsam zu sein, dass sie sich seiner in dieser Weise bedienen musste... [Er] hat die Vorstellung, dass Leute über ihn reden, und äußert diese Vorstellung in einer naiven, arglosen Weise.

    Dieses elterliche Motiv spiegelt sich in der fanatischen Treue des Patienten zu Mutter oder Vater wider, einer Treue, die in der Behandlung der chronischen Schizophrenie erst nach Jahren mühsamer Zusammenarbeit von Patient und Therapeut aufgegeben wird. Anzeichen dafür findet man auch in der Häufigkeit, mit der schwer kranke Patienten diesen Elternteil in idealisierter Form halluzinieren, wobei der idealisierte Erwachsene, wie ich in meiner eigenen Arbeit feststellen konnte, oft in der Vorstellung gespalten wird, so dass ein Teil das Böse und der andere Teil liebevolle Geborgenheit personifiziert. Bei den am schwersten erkrankten Patienten kann es viele Monate nachdrücklicher therapeutischer Bearbeitung erfordern, bis der Therapeut in der Wahrnehmung des Patienten einen Grad von libidinös besetzter Realität erlangt, die es mit den halluzinatorischen, für den Patienten allerdings schlechthin realen Eltern-Imagines aufnehmen kann. Und natürlich bestätigt sich dieses Motiv auch, wie bereits angedeutet, in dem unerbittlichen Kampf des Elternteils, die gemeinsame Anstrengung von Patient und Therapeut mit allen verfügbaren Mitteln zu torpedieren, die darauf abzielt, den Patienten von seiner magisch »engen« Beziehung des »gegenseitigen Verstehens« à la »zwei gegen die ganze Welt« zu befreien, die er zu diesem Elternteil hat.

    Bei diesen Feststellungen habe ich dem gegenteiligen und gesunden Verlangen der Eltern, ihrem Kind zur wahren Reife zu verhelfen, keine Anerkennung gezollt, einem Verhalten, das völlig in Widerspruch zu der Art der Beziehung von projizierter gegenseitiger Allmacht und himmlischer Liebe steht, die ich beschrieben habe. Eltern sind niemals frei von derartigen gesunden elterlichen Strebungen, und nach meiner Erfahrung ist dieser Wunsch oft stark genug, sie dazu zu befähigen, die gemeinsame Anstrengung von Patient und Therapeut auf wertvolle Weise zu unterstützen. Nichtsdestoweniger bestätigt sich weiterhin, dass diese Beziehung der infantilen Allmacht zwischen den »kränksten«, den am wenigsten reifen Bereichen der elterlichen Persönlichkeit einerseits und der Persönlichkeit des Patienten andererseits nach meiner Erfahrung das größte Hindernis für die Gesundung des Patienten darstellt.

    All das wird in der Übertragungsentwicklung der sich anbahnenden Patient-Therapeut-Beziehung reproduziert, und der Therapeut wird zwangsläufig tief in die subjektive Erfahrung der magischen Nähe zum Patienten und des gemeinsamen Allmachtsgefühls verstrickt. Der Bindungscharakter dieser Phase ist, glaube ich, in vielen Fällen dafür verantwortlich, dass die Gesamtbehandlung dieser Patienten so viel Zeit verschlingt. Der Therapeut gerät mindestens mit einem Fuß in den psychologischen Prozess, in den der Patient verstrickt ist: den Prozess nämlich der Aufrechterhaltung einer Spaltung zwischen seinem »guten Selbst« und seinem »schlechten Selbst« wie auch der Spaltung zwischen der »guten anderen Person« und der »schlechten anderen Person«; im allgemeinen gerät der Therapeut für Monate sogar mit beiden Füßen in diesen Prozess. Dann verbringt er ebenso wie der Patient viel Zeit damit, sich darin zu sonnen, dass er und der andere ausschließlich »gut« sind, während die »schlechten« Elemente in der Beziehung verdrängt und auf die Welt außerhalb des Nestes projiziert werden. In Erlebnissen dieser Art erfährt der Therapeut an sich selbst, wie stark die Verlockung gewesen ist, die dem Patienten in seiner Kindheit durch Vater oder Mutter geboten wurde; die Verlockung, mit ihnen das Vergnügen zu teilen, gemeinsam »verrückt« zu sein.

  6. Etwas von der Kompliziertheit einer zwischenmenschlichen Beziehung, der Kompliziertheit des wirklichen Sachverhalts, die jeden Versuch, diese Beziehung zu beschreiben (wie ich es hier versuche), zur vergröbernden Simplifikation stempelt, wird evident, wenn wir das nächste Motiv betrachten.

    Ein Modus der Hinwendung zu dem andern, der alle Merkmale eines Versuches trägt, den anderen verrückt zu machen, kann tatsächlich bewusst oder unbewusst von dem starken Wunsch motiviert sein, mit dem anderen zu einer gesünderen Intimität zu kommen, ihn zu einer besseren Integration zu bewegen, sowohl im zwischenmenschlichen Bereich der gemeinsamen Beziehung als auch intrapsychisch, in ihm selbst. Tatsächlich nehmen erfolgreiche psychotherapeutische Eingriffe oft gerade diese äußere Form an.

    Hier handelt es sich um das bewusste oder unbewusste Streben, abgespaltene oder verdrängte Elemente in der Persönlichkeit des anderen zu aktivieren - nicht, damit sie sein Ich durch ihre Bewusstwerdung überwältigen, sondern vielmehr deshalb, damit er sie in sein Ich integrieren kann. Damit meine ich natürlich nicht, dass derjenige, von dem diese Zuwendung ausgeht, all das vorher konzipiert, sich sein Vorgehen im einzelnen überlegt.

    Die Förderung der intrapsychischen und zwischenmenschlichen Integration oder Selbstverwirklichung des anderen gehört zum Wesen der liebevollen Beziehung, wie sie Martin Buber definiert hat (Friedman, 1955). Er bezeichnet sie als die Art, »den anderen präsent zu machen« und, sofern das auf Gegenseitigkeit beruht, »sich gegenseitig zu bestätigen«; und er vertritt die Überzeugung, dass »die Hilfe, die Menschen einander dabei geben können, zu sich selbst zu kommen, das Leben zwischen den Menschen auf seine höchste Höhe führt...« (Limentani, 1956).

    Um es anders auszudrücken: Mir scheint, dass das Wesen der liebevollen Beziehung unweigerlich zu einer Antwort auf die Ganzheit der anderen Person führt - und zwar (gerade in Bezug auf ein kleines Kind oder einen geisteskranken Erwachsenen, in geringerem Maße aber auch in Bezug auf alle anderen Menschen) oft auch dann, wenn der andere sich seiner Ganzheit selbst nicht bewusst ist, wenn man in ihm eine umfassendere Person erkennt und darauf reagiert, von deren Existenz er nichts weiß.

    Wir stellen also fest, wenn wir uns nunmehr wieder auf das offenbare Bestreben, den anderen verrückt zu machen, konzentrieren, dass dieses Bestreben sehr eng mit jenem, dem anderen zu einer besseren Integration zu verhelfen, verbunden ja sogar damit identisch sein kann, wobei wir das letztere Bestreben als das Wesen der liebevollen Beziehung betrachten können. Ein echtes Bestreben, den anderen verrückt zu machen - seine psychische Integration zu schwächen, den Ich-Bereich zu schmälern und den Bereich abgespaltener oder verdrängter Tendenzen in seiner Persönlichkeit zu vergrößern - kann dagegen als das genaue Gegenteil der liebevollen Beziehung betrachtet werden, wie Buber sie beschreibt.

    Ich vermute, dass in vielen Fällen, wo ein Elternteil das »Verrücktwerden« seines Kindes fördert, der Ausbruch der Psychose einen Fehlschlag des bewussten oder unbewussten elterlichen Wunsches darstellt, dem Kind zu einer besseren, reiferen Integration zu verhelfen. Man kann nicht immer die genaue Ich-Stärke des anderen kennen, wie jeder Therapeut bestätigen wird, und es mag gut sein, dass die Eltern oft analog den Eingriffen eines Therapeuten handeln, die zur unrechten Zeit erfolgen oder sonst wie schlecht auf die Ich-Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sind und, statt seine weitere Integration zu fördern, nur eine desintegrierende Wirkung haben. In dieser Hinsicht halte ich es für wichtig, dass in sehr vielen Fällen, wo es zum offenen Ausbruch der Psychose kommt, dem Patienten durch Überstürzung der Ereignisse, welche auch immer es gewesen sein mögen, Wahrheiten über sich und seine Beziehungen mit anderen in der Familie bewusst geworden sind - Wahrheiten, die tatsächlich wertvoll sind und schon lange fällig waren, Wahrheiten, welche die Grundlage für eine rasche Ich-Entwicklung, eine rasche Integration der Persönlichkeit abgeben könnten. Nur sind sie für das Ich des Patienten leider zu schnell gekommen, so dass es sie nicht assimilieren kann: das Ich regrediert, zurückschreckend vor dem, was jetzt, in seinem Effekt, eine geöffnete Büchse der Pandora ist. Was also ein wertvolles, kreatives, Integration förderndes Wachstumserlebnis hätte werden können - und vermutlich in zahlreichen Fällen bei Menschen, die nie zum Psychiater gehen, auch ist -, wird zur Erfahrung, die zur Entwicklung einer Psychose führt, da verschiedene pathologische Abwehrmechanismen (Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Depersonalisation usw.) gegen die Bewusstwerdung dieser Wahrheiten eingesetzt werden.

    In der Psychotherapie ist der Therapeut oft genötigt, in geschickt dosierten und zeitlich genau bemessenen Mengen gerade die Art von Teilnahme zu gewähren, die, würde sie weniger geschickt verabfolgt (ob nun aus Unerfahrenheit oder deshalb, weil der Therapeut sich in seiner Orientierung am Patienten mehr durch Hass als durch Liebe leiten lässt), eine Wirkung hätte, die der therapeutisch erwünschten genau entgegengesetzt ist. So können zum Beispiel verfrühte Deutungen beim Patienten leichter zur Desintegration als zur Integration führen.

  7. Das nächste Motiv, das ich besprechen möchte, kann im Zusammenhang mit einem Punkt gesehen werden, den Hill hervorgehoben hat, dem Umstand nämlich, dass die Mutter des Schizophrenen ihrem Kind androht, es werde sie verrückt machen, wenn es ein Individuum werde, wenn es sich also, psychologisch gesehen, von ihr ablöse.

    Das fragliche Motiv sieht dann so aus: Das Kind kann sein eigenes Verlangen nach Individuation als den Wunsch erleben, seine Mutter verrückt zu machen; denn die Mutter reagiert auf dieses Individuationsstreben, als handle es sich um den Wunsch, sie verrückt zu machen. So erscheint es mir als völlig natürlich, dass das Kind überhaupt nicht mehr unterscheiden kann zwischen seinem eigenen normalen und notwendigen Streben nach Individuation und dem monströsen Wunsch, seine Mutter verrückt zu machen, auf dessen Existenz es durch deren Reaktionen immer wieder gestoßen wird.

    Wie ich meine, entspricht ein solcher psychodynamischer Zustand völlig dem einer Situation, in der die Mutter zu erkennen gibt, dass es sie umbringen wird, wenn das Kind tatsächlich groß wird; das Kind erlebt dann, wie man in der klinischen Arbeit feststellt, seinen normalen Wunsch, ein Individuum zu werden, als das monströse Verlangen, seine Mutter zu ermorden. Hill trifft diese Feststellung in seinem Buch.

    Dringen wir nun ein bisschen tiefer in die Beziehung eines Kindes zu solch einer Mutter, wie Hill sie beschreibt, ein und verändern wir ein wenig den Bezugsrahmen, um den zwischen Mutter und Kind tobenden Kampf augenfällig zu machen, der das Ziel hat, den anderen in den Wahnsinn zu treiben, so taucht ein weiterer interessanter Punkt auf: in dem scheinbaren Bestreben der Mutter, das Kind verrückt zu machen, lässt sich unschwer als Kern eine anerkennenswerte, wenn auch von ihr nicht ausgesprochene Motivation erkennen - nämlich die, ihrem Kind zu helfen, ein Individuum zu werden. Vermutlich ist es so, dass für die Mutter die Vorstellung der psychischen Getrenntheit, der Individualität, in einem solchen Maße gleichbedeutend ist mit Verrücktheit, dass sie dieses Motiv nicht als einen Wunsch begreifen kann, ihrem Kind zur Individualität zu verhelfen. Es kann dabei jedoch gut sein, dass ein Stück gesunde Mutter in ihr das Empfinden hat, dass das Kind etwas braucht, was sie ihm nicht geben kann, etwas äußerst Lebenswichtiges, und dass es dieser Teil von ihr ist, der anscheinend versucht, das Kind verrückt zu machen - was gleichbedeutend damit ist, ihm zu seiner Individualität zu verhelfen.

    In der psychotherapeutischen Beziehung stellen wir fest, dass der Patient aufgrund dieser Erfahrung in der Vergangenheit zwangsläufig dazu neigt, auf die Entwicklung seiner Individualität, auf seine Ich-Entwicklung zu reagieren, als handle es sich um angstauslösende Verrücktheit; und der Therapeut (der während dieser Phase der Arbeit in der Übertragung den Platz der Mutter einnimmt) neigt ebenfalls dazu, diese Angst zu erleben. Somit haben beide Beteiligten die unbewusste Tendenz, die symbiotische Beziehung miteinander zu verewigen, und zwar aus der gemeinsamen Angst heraus, dass der Patient völlig »verrückt wird« - in Wahrheit, dass der Patient sich aus der Symbiose emanzipiert und in einen Zustand gesunder Individualität hineinwächst. Diese Feststellung stimmt mit der Bemerkung von Szalita-Pemow (in einer persönlichen Mitteilung) überein, wonach »die Individualität des [schizophrenen] Patienten zum Teil seinen Symptomen innewohnt«.

  8. Das letzte Motiv ist nach meiner Erfahrung tatsächlich oft das mächtigste von allen; ich erwähne es an dieser Stelle nur kurz, weil ich es bereits bei der Besprechung des 5. Motivs berührt habe und ihm einen Großteil der abschließenden Seiten dieses Aufsatzes widmen werde. Dieses Motiv zielt auf die Erreichung, ständige Reproduktion bzw. Wiedererlangung der Befriedigungen, die der symbiotischen Beziehung innewohnen. In der Mehrzahl der Fälle, wo jemand versucht, den anderen verrückt zu machen oder seine Verrücktheit für immer zu besiegeln, lässt sich feststellen, dass dem vor allem das unbewusste Streben der Beteiligten zugrunde liegt, sich die Befriedigungen zu verschaffen, welche die symbiotische Beziehung trotz ihrer Angst und Frustration verursachenden Aspekte bietet. Ich unterlasse es, weitere Motive zu besprechen, die sich möglicherweise hinter dem Bestreben verbergen, den anderen verrückt zu machen. Zweifellos ließen sich weitere Motive finden, und einige von ihnen mögen sogar den von mir beschriebenen an Bedeutung gleichkommen. Allerdings sind die acht, die ich hier aufgeführt habe, zumindest nach meiner Erfahrung die häufigsten und stärksten.

C. Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut

Die klinische Erfahrung, die zur zentralen Hypothese dieses Aufsatzes geführt hat, beruht in beträchtlichem Maße auf Beobachtungen und Berichten über die Beziehungen der Patienten zu ihrer elterlichen Familie sowie zur Gruppe der Mitpatienten und des Personals auf ihrer Station des Hospitals; leider kann ich aus Platzmangel nicht das Material anführen, das dafür spricht, dass die Integration des Patienten mit der Gruppe auf jedem dieser Kampfplätze in vielen Fällen die Form eines gegenseitigen Kampfes darum, den anderen verrückt zu machen, annimmt.

Allerdings bin ich der Meinung, dass sich dort im wesentlichen dieselben psychodynamischen Prozesse abspielen und der einzige fundamentale Unterschied darin besteht, dass sie sich dort im Rahmen einer Gruppe entfalten, statt in einer Zweierbeziehung; und außerdem gilt mein Hauptinteresse der individuellen Psychotherapie, weshalb ich meine restlichen Bemerkungen auf den Bezugsrahmen der Patient-Therapeut-Beziehung beschränken werde.

Nach meiner Erfahrung kann man diese Art der Interaktion das Bestreben, den anderen verrückt zu machen - in der Beziehung zwischen Patient und Therapeut am deutlichsten wahrnehmen. Insbesondere kann man beobachten, dass diese Art von Beziehung in einer speziellen Phase der sich entwickelnden Übertragung des schizophrenen Patienten auf den Therapeuten vorherrscht, einer Phase, in der zwischen Patient und Therapeut nun ein früherer Kampf darum, den anderen verrückt zu machen, der sich zwischen Patient und Elternteil abgespielt hatte, reproduziert wird. Aus meiner eigenen therapeutischen Arbeit und aus den Beobachtungen, die ich an der Arbeit anderer Therapeuten hier in Chestnut Lodge machen konnte, habe ich den Eindruck gewonnen, dass im Verlaufe jeder erfolgreichen Psychotherapie mit einem schizophrenen Patienten eine solche Phase eintritt. Dabei wird der Therapeut, wie ich glaube, in den meisten Fällen so stark in diesen Kampf verwickelt, dass er tatsächlich das Gefühl hat, seine eigene Integration sei mehr oder minder in Gefahr. Die notwendige Teilnahme des Therapeuten an dieser Phase der Übertragungsentwicklung ist eines der Hauptelemente in der Psychotherapie von Schizophrenen, das die Verrichtung dieser Arbeit zuweilen so anstrengend macht.

Einer meiner schizophrenen Patienten äußerte mir gegenüber mehr als zwei Jahre lang seine Überzeugung: »Sie sind irgendwie wunderlich, Dr. Searles«, »Sie sind verrückt, Dr. Searles«, »Sie haben ein eigenartiges Denken«; und er konnte mit wissendem Unterton sagen: »Anderen Menschen gegenüber drücken Sie sich nicht so aus wie bei mir, nicht wahr?« In der Entwicklung der Übertragung dieses Mannes auf mich als eine Mutterfigur zeigte sich sehr schön, dass er in früheren Jahren wiederholt die Zurechnungsfähigkeit seiner Mutter auf die Probe gestellt hatte, indem er sie in verschiedene Situationen brachte und beobachtete, ob sie normal oder anomal reagierte. Die Mutter, die ein paar Jahre vor seiner Hospitalisierung gestorben war, war eine hochgradig schizoide Person gewesen, mit der er viele Jahre hindurch in einer regelrecht symbiotischen Beziehung verstrickt gewesen war. Die anderen Familienmitglieder, äußerst prestigebewusste Menschen, hatten die exzentrische Mutter und diesen Sohn mit einer Barriere aus Schutz und Spott umgeben, ganz so wie die Mutter in ihrer Exzentrizität.

In meiner Arbeit mit diesem Mann lebte der Kampf darum, den anderen verrückt zu machen, mit ungewöhnlicher Intensität wieder auf. Nahezu unablässig war er dabei, mich auf die Probe zu stellen, so wie er das in früheren Jahren offensichtlich mit seiner schizoiden Mutter gemacht hatte, und zwar auf eine Weise, als wollte er den Beweis erbringen für seinen ständigen Verdacht, dass ich leicht oder auch mehr als nur leicht hirnrissig sei. Jahrelang wiederholte er aufreizend schmeichelhafte Stereotype, wobei er sich selbst als durch und durch gesund und gut, mich aber mit einer Art zersetzender Hartnäckigkeit als verdreht und schlecht bezeichnete; und zuweilen hackte er in der gleichen quälenden, sarkastischen, anklägerischen Weise auf mir herum, die seine Mutter offensichtlich ihm gegenüber angewandt hatte, dass ich an mich halten musste, um nicht aus dem Zimmer zu laufen. Hin und wieder beschuldigte er mich, ihn verrückt zu machen4; nachdem ich eine Reihe von Stunden mit ihm verbracht hatte, in denen ich mit ungewohnter Anstrengung um die Aufrechterhaltung meiner eigenen psychischen Gesundheit zu kämpfen hatte, ging mir langsam auf, dass seine oft wiederholte Beschuldigung, ich würde ihn verrückt machen, eine Projektion enthalten könnte.

In einer Sitzung mit einer 24-jährigen schizophrenen Frau überfielen mich Gefühle der Verwirrung und der Unwirklichkeit, als diese Patientin, eine in Wahnvorstellungen schwelgende Person, mir aus einem Lehrbuch über das japanische Go-Spiel vorlas. Sie schien in fast jedem Wort und sogar in fast jeder Silbe einen verborgenen Sinn zu finden und schaute mich sehr häufig mit einem sarkastischen Lächeln bedeutungsvoll an, als sei sie überzeugt, ich würde die geheimen Bedeutungen, die sie in all dem entdeckte, kennen. Mit einer zeitweilig ganz desintegrierenden Stärke wurde mir bewusst, wie gefährdet, misstrauisch und isoliert diese Frau war. Was sie mit mir machte, war so ziemlich das gleiche wie das, was ihre Mutter tat, als sie ihre Tochter in deren Kindheit mit ins Kino schleppte und ihr wiederholt befahl: »Nun, denk nach!«, was die Patientin - völlig richtig, wie ich glaube - als Befehl auffasste, dieselben geheimen, besonderen Bedeutungen im Ablauf des Films wahrzunehmen, welche die Mutter, während der ganzen Kindheit des Mädchens eine offen psychotische Person, selbst darin entdeckte. Die Patientin war von dieser unlösbaren Aufgabe (deren »erfolgreiche« Bewältigung bedeutet hätte, die Psychose ihrer Mutter zu teilen) ganz entnervt worden, gerade so, wie sie mich mit ihrer Lektüre in dieser Sitzung entnervte. Bei späterer Gelegenheit beschrieb sie mir, wie sie ihrer Mutter in genau dieser Weise stundenlang vorgelesen hatte, während die Mutter Hausarbeit machte, und es wurde mir klar, dass sie sehr viel sadistische Befriedigung daraus bezogen hatte, in der Lage zu sein, ihre Mutter mit dieser Methode zur Raserei zu bringen. Ebenso erlebte ich viele Male, wie sie sich mit einem triumphierenden Lächeln zurücklehnte, wenn sie es geschafft hatte, mich mit ihren chaotischen Verbalisierungen wahnhaften Materials gänzlich zu verwirren und mehr als nur ein bisschen unsicher zu machen.

Der gerade erwähnten Frau war von verschiedenen Angehörigen ihrer Familie seit ihrer frühen Kindheit wieder und wieder gesagt worden: »Du bist verrückt!«, wann immer, wie sie selbst erinnerte, sie einen von ihnen bestürmte, ihr eine Auskunft zu geben, um die Verwirrung zu beheben, der in gewissem Maße alle Kinder ausgesetzt sind, wenn sie sich einer ungewohnten und komplizierten Situation gegenüber sehen. Sie stellte mir das einmal so dar: »Wenn ich meinen Mund aufmachte, sprangen mir sechs oder acht von ihnen [d. h. andere Mitglieder ihrer ungewöhnlich großen Familie] an die Kehle und sagten, dass ich verrückt sei, bis ich mich fragte, ob ich tatsächlich dabei war, den Verstand zu verlieren.« Es wurde ganz klar, dass sich zwischen ihr auf der einen und den übrigen Familienmitgliedern auf der anderen Seite ein gegenseitiger Kampf abgespielt hatte, den anderen verrückt zu machen. Mit besonderer Intensität hatte er zwischen ihr und der Mutter getobt, einer extrem wankelmütigen Person (wie einer von den Brüdern der Patientin bestätigte), von der die Patientin noch Jahre nach Beginn der Therapie überzeugt war, sie sei nicht eine Person gewesen, sondern viele. Über diese Mutter äußerte sie einmal mir gegenüber, was höchst bezeichnend ist für die Art von Kampf, die ich beschrieben habe: »Sie haben immer gesagt, "du bist psychosomatisch! Wenn du nicht aufpasst, endest du mal in der Nervenklinik!" Dabei waren sie so und wollten das nicht zugeben.«

Allerdings gab es in meiner Arbeit mit dieser Frau Anzeichen dafür, dass ihre Bemühungen, mich (als eine Mutterfigur in der Übertragung während dieser Phase der Therapie) verrückt zu machen, zuweilen nicht in erster Linie durch das sadistische Vergnügen motiviert waren, mich in Verwirrung zu bringen, auch nicht durch das Bedürfnis, ihre eigene Psychose auf mich zu externalisieren, sondern vielmehr durch wirkliche Sorge um mich. In solchen Augenblicken war die Interaktion zwischen uns derart, dass klar wurde: ich befand mich nun, so wie sie mich sah, in der Position einer geisteskranken Mutter, die Behandlung brauchte, während sie sich selbst außerstande fühlte, sie mir zu geben - was völlig der Situation ähnelte, die sie während ihrer Kindheit in der Beziehung zu ihrer geistesgestörten Mutter erlebt hatte, der nie der Segen einer Fachbehandlung ihrer chronischen, »zirkulären« Schizophrenie zuteil geworden war.

Bei einer Gelegenheit, als diese Facette der Übertragung zu tage trat, protestierte die Patientin gegen Ende einer Sitzung, in der wir ganz lebhaft Ansichten ausgetauscht hatten: »Warum gehen Sie nicht in ein staatliches Krankenhaus? Sie haben doch die ganze Zeit darum gebeten, wenn Sie gesprochen haben.« Sie sagte das in einem Ton, der nicht Feindseligkeit ausdrückte, sondern Besorgtheit und Hilflosigkeit, als würde man sie dafür verantwortlich machen, dass ich in ein Krankenhaus eingeliefert werde, und als fühlte sie sich gänzlich außerstande, dieser Verpflichtung zu genügen. In einer anderen Sitzung zwei Wochen später fragte sie: »Wann wird man Sie in ein staatliches Krankenhaus einliefern? ... Ich weiß, Sie versuchen, in eines zu kommen.« In diesen Fällen spielte wohl mit, dass sie ihren eigenen unbewussten Wunsch projizierte, in ein staatliches Krankenhaus eingewiesen zu werden. Und trotzdem passt all das genau zu der Beziehung, die zwischen ihr und der Mutter bestand; und da es außerdem zahlreiche andere Anzeichen dafür gab, dass sie in mir die Mutter ihrer Kindheit erlebte, war ich überzeugt, dass ihre Reaktionen den oben beschriebenen Übertragungscharakter hatten.

Die angeführten Beispiele veranschaulichen in erster Linie das Bestreben der Patienten, ihre Therapeuten verrückt zu machen. Mein klinisches Material, das auf meiner eigenen Tätigkeit als Therapeut sowie auf meinen Beobachtungen der Arbeit von Kollegen beruht, spricht dafür, dass die Therapeuten ein entsprechendes Bestreben haben, wobei sie (vorwiegend unbewusst, wie ich abermals betone) ebenso wie die Patienten die ganze Skala der Modi bzw. Techniken benutzen, die ich oben bereits beschrieben habe; und der Spielraum der diesem Bestreben zugrunde liegenden Motive ist beim Therapeuten anscheinend genauso groß wie beim Patienten.

In jedem einzelnen Fall lassen sich für das Streben des Therapeuten in diese Richtung, wie ich glaube, zwei Quellen feststellen: a) der Charakter der Übertragung des Patienten auf ihn - nämlich eine Art von Beziehung, in der einer den andern verrückt zu machen versucht -, die ihn zwangsläufig in bestimmtem Maße zu einer Gefühlslage und einer Art von offener Beziehung bringt, die das Gegenstück zu dieser Übertragung sind; und b) ein Charakterzug des Therapeuten, der seine Beziehung zu diesem besonderen Patienten transzendiert, und zwar als eine unbewusste Tendenz, den anderen verrückt zu machen (deren Stärke natürlich von Therapeut zu Therapeut wechselt, die aber vermutlich zur charakterlichen Grundstruktur jedes Therapeuten gehört) - ganz gleich, um wen es sich handelt, d. h. zu wem er eine überaus enge Beziehung eingeht. Wenn wir also bei der Untersuchung einer bestimmten Patient-Therapeut-Beziehung feststellen, dass die Beziehung in diesem Stadium vor allem durch einen Kampf zwischen den beiden Beteiligten charakterisiert wird, die sich gegenseitig verrückt zu machen trachten, dann beruht dieses Verhalten des Therapeuten vermutlich zum Teil - und, wie ich meine, in den meisten Fällen überwiegend - auf der erstgenannten Art einer »normalen« Therapeutenreaktion auf die Übertragung des Patienten.

Ich meine allerdings, dass bei einem beträchtlichen Prozentsatz derartiger Fälle die zweite Quelle, die ich für die Teilnahme des Therapeuten an diesem Kampf erwähnt habe, ebenfalls eine mehr oder minder große Rolle spielt. Den überzeugenden Beweis für einen solchen Charakterzug bei mir selbst fand ich (vor etwa sieben Jahren) gegen Ende meiner eigenen Analyse - ein Charakterzug, der sich nicht bloß in Zusammenhang mit den ein oder zwei Patienten bemerkbar machte, mit denen ich damals arbeitete, sondern allen Patienten galt, ebenso wie zahllosen anderen Menschen: Verwandten, Freunden und Bekannten. Folgende allgemeine Überlegungen sprechen dafür, dass dieser Charakterzug bei Psychotherapeuten und Psychoanalytikern ziemlich häufig anzutreffen ist:

  1. Ein paranoid-zwanghafter Typ der Charakterstruktur ist unter Therapeuten und Analytikern bestimmt nicht selten anzutreffen. Ich halte es zwar nicht für ausgemacht, dass eine solche Charakterstruktur in unserem Beruf überwiegt, doch spricht schon jede unbefangene Beobachtung dafür, dass sie sich bei uns vermutlich mindestens so häufig findet wie in der übrigen Bevölkerung in unserer Kultur, die so viele Prämien ausgesetzt hat für paranoid-zwanghafte Charakterzüge wie Ordnungsliebe, Konkurrenzstreben, Intellektualisierung und so weiter.

    Dass einer der Haupt-Abwehrmechanismen des paranoiden Zwangscharakters die Reaktionsbildung ist, ist bekannt. Es dürfte also niemand überraschen, wenn man feststellt, dass eine beträchtliche Anzahl von Therapeuten und Analytikern ihre Berufswahl zum Teil auf der Basis einer Reaktionsbildung gegen unbewusste Wünsche getroffen hat, die ihrem in der Tagesarbeit herrschenden Bemühen genau entgegengesetzt sind. Es würde uns ja auch nicht überraschen, wenn ein Chirurg im Laufe seiner Analyse starke und vormals tief verdrängte Wünsche vorbrächte, andere Menschen körperlich zu zerstückeln. Deshalb sollten wir uns nicht der Erkenntnis verschließen, dass nicht wenige von uns, die als Beruf die Behandlung von Geisteskrankheiten gewählt haben, ähnlich starke, lang verdrängte Wünsche haben, die Charakterstruktur anderer Menschen zu zerstückeln.

  2. Wenn man die unter (1) dargelegten Überlegungen fortsetzt (von denen ich zugebe, dass sie hypothetisch sind), dann wird verständlich, dass Menschen, die Psychotherapie oder Psychoanalyse als Beruf gewählt haben, als Analysanden in ihrer Lehranalyse der Anerkennung jedes Wunsches, andere verrückt zu machen, bei sich selbst starken Widerstand entgegensetzen; denn diese Strebungen geraten in direkten Widerspruch zu ihrem aufrichtigen und starken Interesse, Geisteskrankheiten zu beheben. Solche unbewussten Strebungen könnten somit begreiflicher weise die Tendenz haben, sich der Aufdeckung und gründlichen Bearbeitung in der Lehranalyse zu entziehen, so dass die Berufswahl niemals als bestimmendes Element im Kampf des Analysanden gegen seine unbewussten Wünsche aufgedeckt wird, bei anderen Menschen die Desintegration der Persönlichkeit zu fördern.

    All das lässt sich für meine Begriffe am einleuchtendsten so darstellen: der Wunsch, den anderen verrückt zu machen, ist ein Bestandteil der unendlich vielfältigen Charakterkonstellation emotional gesunder Menschen; die Berufswahl von Therapeuten und Analytikern spricht dafür, dass das Individuum zumindest in den Fällen, in denen seine Charakterstruktur dem paranoid-zwanghaften Typus entspricht, gegen unbewusste Wünsche dieser Art kämpft, die stärker als normal sind; und schließlich ist es besonders schwierig für Therapeuten und Analytiker, die sich ja in den Dienst der besonderen Lebensaufgabe stellen, Geisteskrankheiten zu heilen, diese qualitativ normalen Strebungen in sich selbst anzuerkennen.

  3. So viele von uns zeigen eine ständige Bereitschaft, diese oder jene Geistesstörung bzw. diesen oder jenen Patienten als »unheilbar« zu betrachten - und das angesichts einer überzeugenden Fülle klinisch gesicherten Materials, das für das Gegenteil spricht -, dass man den Verdacht hegen muss, diese Neigung zu einer unwissenschaftlich »pessimistischen« Einstellung könnte in Wirklichkeit die unbewusste Besetzung haben, diese Patienten in ihrer Krankheit festzuhalten. Mit dieser Fragestellung möchte ich nicht die riesigen Schwierigkeiten verkleinern, die der Genesung vieler unserer Patienten im Wege stehen; im Gegenteil, es ist meine ureigenste Erfahrung im Kampf mit solchen Schwierigkeiten bei der Arbeit mit chronisch psychotischen Patienten, die es mich für um so wichtiger halten lässt, dass wir diese gewaltige Aufgabe nicht noch mit eigenen Faktoren zusätzlich verkomplizieren.

    Ich habe inzwischen bei vielen Gelegenheiten (in meiner Arbeit mit chronisch psychotischen oder neurotischen Patienten, bei meiner Tätigkeit als Kontrollanalytiker mit annähernd zwanzig anderen Therapeuten in Chestnut Lodge und andernorts sowie als Zuhörer bei Falldarstellungen vieler anderer Therapeuten) feststellen können, wie sehr wir dazu neigen, eine Attitüde der Hoffnungslosigkeit zu entwickeln, wenn wir mit einem Patienten arbeiten, indem wir uns unbewusst an die verleugneten, tatsächlich aber hoch geschätzten Befriedigungen klammern, die wir aus einer symbiotischen Patient-Therapeut-Beziehung beziehen. In dieser Phase wehren wir uns, wenn auch unwissentlich, mit Händen und Füßen dagegen, dass der Patient einen großen Schritt vorwärts macht - einen Schritt, von dem man spürt, dass er bevorsteht. Immer wieder geht einem solchen großen Schritt in der Therapie eine derartige Phase der Hoffnungslosigkeit auf Seiten sowohl des Patienten wie des Therapeuten voraus, eine Hoffnungslosigkeit, die rückblickend in dem gegenseitigem sich Anklammern an ihre symbiotische Beziehung ihre Erklärung findet.

    Inzwischen hat man in vielen Artikeln und Büchern die pathogene Bedeutung einer solchen Beziehung für den Reifungsprozess des Patienten - und gerade des schizophrenen Patienten - hervorgehoben; ich finde jedoch, wir haben die Elemente der intensiven Befriedigung zu niedrig veranschlagt, die eine solche Beziehung ausmachen - eine Beziehung, die beiden Beteiligten gestattet, ebenso in Gefühlen der infantilen Befriedigung zu schwelgen wie in Phantasien, eine allmächtige Mutter zu sein. Einer der Hauptgründe für die Schwierigkeit, Schizophrenie zu beheben, besteht für meine Begriffe darin, dass der Therapeut so starken inneren Widerstand dagegen entwickelt, dem Patienten aus der in der Übertragung wieder aufgelebten symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung herauszuhelfen. Nicht nur der Patient, auch der Therapeut hat die Tendenz, die voraussichtlichen Früchte einer reiferen Beziehung fast gar nicht - wenn überhaupt - für wert zu erachten, dafür auf die symbiotische Beziehung zu verzichten, die trotz ihrer Qualen unschätzbare Befriedigungen bietet.

    Jedes mal, wenn es mir gelang, bis ins kleinste detailliertes Material über derartige Situationen zu erlangen, habe ich festgestellt, was vorauszusehen war: Der gegenseitige Kampf zwischen Patient und Therapeut, in dem es darum geht, den anderen verrückt zu machen, spielt sich immer an der Schwelle zu etwas ab, was sich rückblickend als ungewöhnlich großer Fortschritt des Patienten in der Therapie beweisen lässt. Es ist, als würden beide vermittels einer Wiederbelebung ihrer symbiotischen Techniken, mit denen der andere verrückt gemacht werden soll, dagegen kämpfen, dass es zu diesem heilsamen Schritt in der Therapie kommt.

    Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als sei das letzte Stück Wegs, das nach einem solchen Durchbruch in der Therapie zurückzulegen ist, eine gerade, breite, ebene Chaussee. Bei der Durcharbeitung der symbiotischen Beziehung des Patienten zu seiner Mutter in der Übertragung muss derselbe Kampf wieder und wieder durchgefochten werden. Obwohl er sich von Mal zu Mal mit weniger zersetzender Schärfe wiederholt, fühlt sich der Therapeut regelmäßig jener dunklen Verzweiflung ausgesetzt, der immer gleichen Empfindung, dass dieser unmögliche Patient ihn völlig verrückt macht, wann immer sie eine Schwelle in den aufeinander folgenden Stadien der Lockerung ihrer symbiotischen Beziehung erreichen. Man kann das mit dem Vorgang vergleichen, in dessen Verlauf der Fötus von der Mutter getrennt wird: Eine ganze Reihe von Geburtswehen ist nötig, bevor das Baby ganz zum Vorschein kommt. Von angrenzendem Interesse sind hier folgende Bemerkungen, die Margaret Little in einem Aufsatz mit dem Titel »Gegenübertragung und die Reaktion des Patienten auf sie« (1951) gemacht hat:

    Bewusst und in starkem Maße sicher auch unbewusst wollen wir alle, dass unsere Patienten gesund werden, und können uns leicht mit ihrem Wunsch, gesund zu werden, d. h. mit ihrem Ich identifizieren. Doch neigen wir unbewusst ebenfalls dazu, uns mit dem Über-Ich und dem Es des Patienten zu identifizieren, und damit mit seinem Bemühen, seine Gesundung zu verhindern, krank und abhängig zu bleiben, und indem wir das tun, bremsen wir vermutlich den Gesundungsprozess. Unbewusst vermögen wir die Krankheit eines Patienten für unsere eigenen Zwecke auszubeuten, sowohl für die libidinösen wie für die aggressiven, und er wird bald darauf reagieren.

    Ein Patient, der sich seit etlicher Zeit in Analyse befindet, wird gewöhnlich zum Liebesobjekt seines Analytikers; er ist derjenige, dem der Analytiker Genüge tun will, und dieser Impuls kann, selbst wenn er bewusst ist, durch eine partielle Verdrängung unter die Herrschaft des Wiederholungszwanges geraten, so dass die Notwendigkeit entsteht, den Patienten immer aufs Neue gesund zu machen, was tatsächlich bedeutet, ihn immer aufs Neue krank zu machen, um ihn gesund machen zu müssen. [Hervorhebung von mir - H.F.S.] Richtig angewandt, kann dieser Wiederholungsprozess förderlich sein, wobei das »Krankmachen« dann die notwendige und wirksame Form der Erschließung von Ängsten annimmt, die nun gedeutet und bearbeitet werden können. Doch setzt das auf Seiten des Analytikers eine unbewusste Bereitschaft voraus, dem Patienten zu gestatten, gesund zu werden, selbständig zu werden und ihn zu verlassen...

    Aufgrund meiner eigenen Erfahrung, die im Gegensatz zu der von Reichard & Tillman (1950), Lidz & Lidz (1952), Linientani (1956) und vielen anderen Autoren steht, bin ich der Meinung, dass der Therapeut dem Patienten an Neuem und Therapeutischem nicht die Vermeidung der Entwicklung einer symbiotischen, gegenseitigen Abhängigkeit zu bieten hat, sondern vielmehr deren Akzeptierung - eine Akzeptierung der Tatsache, dass der Patient ihm persönlich eine Menge bedeutet. Diese Anerkennung der eigenen Abhängigkeit vom Patienten ist es, was die Mutter ihm nicht bieten konnte.

    Ich glaube, dass wir in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, in denen Patient und Therapeut lange genug miteinander gearbeitet haben und sich diese symbiotische Beziehung gut etablieren konnte, und in denen wir feststellen, dass beide die Arbeit mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit verbinden, viele Anhaltspunkte dafür finden können, dass jeder von ihnen unbewusst bestrebt ist, den anderen verrückt zu machen - oder vielleicht genauer: verrückt zu halten -, damit er sich an die höchst unreife und somit »kranke«, doch tief befriedigende symbiotische Beziehung mit dem anderen klammern kann.

    Es ist gut möglich, dass das weit verbreitete Bedürfnis - weit verbreitet nicht nur, was schizophrene Patienten, sondern auch, was die Fachleute betrifft, von denen sie behandelt werden -, den Aspekt der Befriedigung zu verleugnen, die aus der symbiotischen Beziehung bezogen wird, zu der Zählebigkeit des irrationalen, schimpfwortartigen Begriffs der »schizophrenogenen Mutter« beiträgt. Das heißt, wir werden vielleicht auf einer unbewussten Ebene von den Befriedigungen, die eine solche Mutter mit ihrer Art von symbiotischen Beziehung bietet, so stark angezogen, dass wir unsere regressiven Impulse in diese Richtung verleugnen müssen und sie deshalb bewusst so wahrnehmen und in wissenschaftlichen Abhandlungen so darstellen, als wäre sie eine ganz und gar reizlose »schizophrenogene Mutter«, mit der in nähere Beziehung zu kommen die reine Hölle wäre.

  4. So viele Therapeuten und Analytiker reagieren auf die Mitteilungen des Patienten in einer für sie selbst charakteristischen Art, die nicht selten den Eindruck erweckt, als seien sie darauf aus, den Patienten verrückt (bzw. verrückter) zu machen, dass es schwer fällt, dieses Phänomen ausschließlich auf den Mangel an klinischer Erfahrung, Geschicklichkeit und Einfühlungsvermögen zurückzuführen. Das heißt, ich vermute, dass an einer ungeschickten therapeutischen Technik die beim Patienten eher eine weitere Desintegration als eine Integration bewirkt, in vielen Fällen ständig verdrängte (und somit ständig präsente) Wünsche des Therapeuten schuld sind, den anderen verrückt zu machen.

    Ein Beispiel, das einem häufig begegnet: Wir Therapeuten haben eine starke Tendenz, nur auf eine Seite der ambivalenten Gefühle des Patienten zu reagieren. Wenn ein hospitalisierter schizophrener Patient zum Beispiel ein stark gestörtes Verhalten zeigt, mit dem er uns zu verstehen gibt, dass er ein unbewusstes Bedürfnis nach ständiger Hospitalisierung hat, aber bewusst einen starken Wunsch äußert, man möge ihm erlauben, die Klinik zu verlassen, so antworten wir vielleicht begütigend: »Ich bin überzeugt, Sie wollen in Wirklichkeit im Hospital bleiben und haben Angst, entlassen zu werden.« Dieses Beispiel spricht für eine Unausgereiftheit der Therapeutentechnik, die man in dieser krassen Form wohl nicht sehr häufig antrifft, obwohl ich nicht selten gerade eine so grob untherapeutische Technik beobachtet habe - und rückblickend erkennen musste, dass ich sie auch in meiner eigenen Arbeit mit Patienten angewandt hatte. Geringere Grade dieser Art von untherapeutischer Partizipation des Therapeuten (die Feststellungen in diesem Aufsatz beziehen sich ebenso auf die Psychoanalyse wie auf die Psychotherapie, wenn auch mit größerer Bedeutung für letztere) lassen sich allerdings in ganz großer Häufigkeit feststellen. Mit Sicherheit wird mancher neurotische Patient in der Analyse bei zahlreichen Gelegenheiten fast um den Verstand gebracht, weil sein Analytiker so gern die bewussten Gefühle und Einstellungen seines Patienten in ihrer Bedeutung entwertet und auf vorbewusste oder unbewusste Mitteilungen reagiert, als würden sich darin die einzig »realen« und »echten« Wünsche und Einstellungen offenbaren.

Wie man als Therapeut oder Analytiker derartige Reaktionsweisen überwindet, ist nicht einfach eine Frage des Erlernens von Techniken, die dem wirklich ambivalenten, schlecht integrierten Zustand des Patienten besser entsprechen. Um dem Patienten von größerem Nutzen zu sein, muss man sich außerdem auseinander setzen mit dem eigenen Konflikt zwischen dem Wunsch, dem Patienten zur besseren Integration (und das heißt, zu größerer Reife und Gesundheit) zu verhelfen, und dem gegenteiligen Wunsch, den Patienten im Zustand der schlechten Integration festzuhalten oder ihn sogar zu zerstören, indem man die Zementierung oder Verschlechterung des Krankheitszustandes fördert. Nur diese Bewusstheit über Vorgänge in der eigenen Person befähigt einen dazu, dem Patienten - und vor allem dem schizophrenen und Borderline-Patienten5 - von höchstem Nutzen zu sein und ihm insbesondere über die kritische Phase der Übertragung hinwegzuhelfen, die ich in dieser Arbeit beschrieben habe.

 

Anmerkungen

  1. Einer meiner Patienten, der in seiner ganzen Kindheit zu hören bekam: »Du bist ja verrückt!«, wann immer er den elterlichen Abwehrmechanismus der Verleugnung durchschaute, wurde seinen eigenen Gefühlsreaktionen gegenüber so misstrauisch, dass er sich jahrelang stark auf einen Schoßhund verließ, der ihn durch seine Reaktion auf diese oder jene ihnen begegnende Person wissen lassen sollte, ob diese Person freundlich und vertrauenswürdig oder feindselig sei, so dass er sich vor ihr in acht nehmen müsse.
  2. Das gilt für die USA; das deutsche Rechtssystem kenntnicht einmal diese Möglichkeit, »seelische Grausamkeit« zu ahnden. [Anm. d. Übers.].
  3. Zähne (teeth) und Male (tees) sind im Englischen Homonyme [Anm. d. Übers.].
  4. Ein schizophrener Mann sagte nach mehreren Monaten Mutismus, als er anfing, mit seinem Therapeuten zu reden, in ängstlichem Protest: »Sie reden mir zu verschroben... Sie sind zu verrückt.« Nach einem Besuch seiner Mutter behauptete er ängstlich, dass diese ihn umbringen wolle, und erklärte, sie habe ihn krank gemacht und seinen Bruder (einen Mönch) ins Kloster getrieben. Ein paar Monate später kamen dieselben Gefühle in Beschuldigungen gegen den Therapeuten zum Ausdruck: »Sie wollten mich umbringen. Sie haben mich krank gemacht... Verrückte Gedanken. Sie reden zu verschroben.«
  5. Borderline = »Grenzfall«, dessen Symptomatologie nicht eindeutig als schizophren zu diagnostizieren ist, weil z. B. der Kontakt mit der Realität aufrechterhalten bleibt oder »neurosenähnliche« Abwehr­mechanismen benutzt werden [Anm. d. Übers.].

Danksagung und Bibliographie

H. F. Searles, Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen - ein Element in der Ätiologie und Psychotherapie der Schizophrenie (The effort to drive the other person crazy- an element in the etiology and psychotherapy of schizophrenia) - British Journal of Medical Psychology, vol. 32 (1959), S. 1-19.

Folgende Therapeuten haben mir freundlicherweise erlaubt, in dieser Arbeit Material bezüglich ihrer Patienten zu benutzen: Dr. Cecil C. H. Cullander, Dr. Jarl E. Dyrud, Dr. John P. Fort, Dr. Leslie Schaffer, Dr. Roger L. Shapiro, Dr. Joseph H. Smith und Dr. Naomi K. Wenner. Für die theoretische Darlegung hinsichtlich dieses Materials bin ich allein verantwortlich. Diese Forschungsarbeit wurde durch einen Zuschuss der Ford Foundation an das Chestnut Lodge Research Institute unterstützt. Eine Kurzfassung dieser Arbeit wurde am 31. Oktober 1956 auf dem Zweiten Jahrestreffen von Chestnut Lodge vorgetragen.

  1. Arieti, S. (1955), Interpretation of Schizophrenia, New York.
  2. G. Bateson, D. D. Jackson, J. Haley und J. Weakland, Toward a theory of schizophrenia, in: Behavioral Sci. I, 251-264 (1956).
  3. Beckett, P. G. S., D. B. Robinson, S. H. Frazier, R. M. Steinhilber, G. M. Duncan, H. R. Estes, E. M. Litin, R. T. Grattan, W. L. Lorton, G. E. Williams und A. M. Johnson (1956), Studies in schizophrenia at the Mayo Clinic, I. The Significance of exogenous traumata in the genesis of schizophrenia, in: Psychiatry, 19, 137-142.
  4. Bowen, L. M. (1956), In transscript of the Combined Clinical Staffs of the National Institutes of Health, Clinical Center Auditorium, 29. März 1956, hektographiert vom Department of Health, Education, and Welfare; National Institutes of Health, Bethesda, Maryland.